Lange Nacht der Wissenschaft

"Kann man den IQ vorher und nachher messen lassen" fragte jemand vor mir am Infostand, während im Zuge der Eröffnungsveranstaltung am Potzdamer Platz im Hintergrund die "Singing Shrinks", ein Chor bestehend aus Psychiatern, Neurologen und Psychologen der Berliner Charité sein Repertoire zum besten gibt.
Kann man wohl nicht. Schade eigentlich. :o)

Am U- Bahnhof Ernst- Reuter- Platz begrüßt man mich mit schwarzen Humor.

Im Programmplan verspricht man mir im Akustiklabor einen schalltoten Raum. Da ich sowieso schon den ganzen Tag in der Stadt unterwegs war .... Stille? Ich beiße an. :o)
Der Weg dahin dauerte etwas länger als geplant, denn mich fesselte eine Dampflok, mit mehr sich bewegenden Kleinteilen, als ein vorbei eilender Mensch verkraften kann. Meine Begleitungen hätten mich gern hinten im Anhänger gesehen, aber was interessiert mich der Rücken des Fahrers? Ick will vorne sitzen! Da drehts und dampft und überhaupt! Hinten ... pffff.....

Die Führung im Akustiklabor gestaltete sich als recht interessant, insbesondere im eben besagten schalltoten Raum, in der es dem ein oder anderem am Kreislauf nagte und man sehen konnte, das sich der Großteil recht unbehaglich fühlte. Da ich sowas bereits aus Tonstudios in kleinem Rahmen kannte, hatte ich wohl einen entscheidenen Vorteil. Wer weiß, wozu man dit nochmal braucht?!

In der letzten Station ging es weniger technisch, als eher psychoakustisch zu. Ich lernte nämlich, das man im Rahmen der Stadtentwicklung am Nauener Platz (Wedding) "Soundbänke" installierte.
Dort stehen nun also Sitzbänke, aus denen auf Knopfdruck Vogelgezwitscher erscheint. Ich finde diese Idee krank und denke dabei an Fahrenheit 451. Ich mag mich mit der Idee nicht anfreunden, in einer Welt zu leben, in der natürliche Geräusche vom Band kommen, damit ich mich wohlfühle. In 30 Jahren radel rollatore ich am Tiergarten vorbei, entlang an langen Lautsprecherleitplanken, die tschirpen. Man hatte im übrigen den restlichen Abend viel Freude an mir, weil ich mich im Loop über diese "Piepsbänke" aufregte. Ick muss da mal hinfahren, die Dinger in echt sehen.

Ich habe wüste Visionen von Kinderlärm vom Band auf Spielplätzen, begleitet von holografischen Installationen... im Zuge dessen, das wir ja ein ziemlich gebährunfreundlichen Volk sein sollen. (Ich wohne direkt an einem Spielplatz. Vom Aussterben habe ich hier Sonntag morgens noch nichts bemerkt.)

Wir ziehen weiter und finden uns alsbald in einem Bastelworkshop "Von der Blindenschrift bis zur Geheimsprache" wieder, in dem es vor Kindern wimmelt. Das Thema grob umrissen: "Alltag als blinder Mensch und wie die Technik da helfen kann." Im groben wurde ein alltäglicher Tagsablauf aufgeschrieben und die Frage in den Raum gestellt, welche Probleme blinde Menschen dabei haben könnten. Es ist an sich wirklich spannend zu sehen gewesen, wo denn der Nachwuchs solche sieht. Das ging von "gegen den Duschvorhang rennen" bis hin zu "abends garnicht lesen können". Einen besonderen Lacher erntete eines der Zwerge, da man ja realisierte, das man die Uhr nicht lesen könne, mit dem Vorschlag, eine Uhr zu erfinden, welche für jede Minute eine Metallspitze hochfährt. Ich habe das direkt visualisiert und hatte recht blutrünstige Bilder im Kopf.
Emails lesen ist für blinde Menschen im übrigen garkein Problem, denn es gibt ja das eine Computerprogramm namens Blindman.exe, wie man zu erzählen wusste. Was wären wir nur ohne Windows?

Anschließend wurden wir gezwungen, für jedes Problem auf dieser Liste eine Lösung zu basteln. Nunja ... ich habe mit blinden Menschen desöfteren zu tun gehabt, außer kommunikative Probleme ("Dit Ding steht dahinten!" "Na danke schön, du Nase.... Wo is dahinten?!"), gabs da eigentlich kaum welche, aber vielleicht bin ich auch irgendwann zu routiniert gewesen dabei, da sah man sie nicht mehr.
Aber die Drohung "Jeder in diesem Raum bastelt!" schwebte nun über uns, wir griffen also in die Kiste und zogen das erstbeste Material heraus: "Und wat machen wa nu damit?"

Uhren, welche die Zeit ansagen, gibt es schon, von daher mag ich an dieser Stelle präsentieren:
Die ertastbare, analoge Kukusuhr!

Für "Ihr habt 5 Minuten Zeit und müsst es dann auch präsentieren!" ist die doch garnicht so schlecht?
Unsere Begleitung zauberte einen elektrischen Blindenhund mit eingebautem Navigationssystem zu Tage:

Der Prototyp ist noch nicht so ganz ausgereift, die Idee aber eigentlich garnicht mal so schlecht.
Vieles der gebastelten Ideen waren eigentlich recht hübsch, wenn auch so ziemlich alles auf ein "Handy mit ..." begann. Die Vorstellung eines erfühlbaren Googlemaps fand ich btw. allerliebst.

Die hübschesten Ideen wurden natürlich mitgeschrieben und gesammelt, dem einen oder anderen werden wir also eventuell in naher Zukunft auf dem freien Markt begegnen.

(Ich werd hier gerade von Pappelsamen eingeschneit!)

Dem Programmplan wedelnd zogen wir also weiter zu den Physikern. "Physik????!!! stöhnte meine Begleitung", aber bei den Physikern gabs (Stickstoff-) Eis, das lies man also durchgehen.

"Auf was habt ihr jetzt Lust?" fragte ich und man warf Chemie in den Raum.
Dort angekommen stehe ich vor einem "Katalytisches Minigolf" ... und kapier es nicht. Kleiner Hügel? Großer Hügel? Minigolf? Was?
Als man mich darauf aufmerksam macht, das der Hügel der Katalysator sein muss, ergibt es wieder Sinn.

Vor dem Haus erhitzt man Kerzenwachs und lässt es verpuffen. "Gibts noch Fragen dazu?" wird beantwortet mit "Nochmal!" Ich gebe zu, ich habe mitgerufen. (Die musikalische Kopfhintergrundmusik in Form von Rammstein stellte sich ganz alleine ein.)
Man baut Zeitzünder aus Kaliumpermanganat und flüssigem Glyzerin. Wo ich das Glyzerin herbekomme, weiß ich ja, das Kaliumpermanganat stellte mich noch vor ein Rätsel, aber zu Hause klärte man mich auf, man hätte es als Kind immer im Chemiebaukasten gefunden. Das war allerdings auch ein russischer gewesen. In Zeiten des kalten Krieges.

Weiter im TU- Hauptgebäude springt mich ein wirklich hübsches Bild an:

Ich mag es so stehen lassen, da ist bereits alles gesagt. (Links unten *hint* *hint* *hint*!)

Im Lichthof war für mich dann Endstation. Keine 10 Pferde brachten mich noch weg da, ich blieb auf dem Boden sitzen und lies mich von nichts und niemanden mehr stören (nicht zur Freude aller Beteiligten, wie am am Hintergrundgequatsche sicherlich mitbekommt):


Ich möchte an dieser Stelle meine Begleitung nochmals daran erinnern, dass man mir einen Lichtschranken- Schneeflocken- Touchtisch versprochen hat zu bauen. :p

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