Offener Brief an ein Frauenhaus

Ich habe soeben eine Email wieder gefunden, die ich im letzten Herbst an ein Frauenhaus geschickt habe.
Ich möchte sie hier veröffentlichen und euch damit bitten, bei nächsten Mal nicht wegzusehen.
Die Mail hab ich (bis auf's anonymisieren) nicht weiter verändert/bearbeitet, sie spiegelt eins zu eins meine damalige Stimmung wieder:

Hi Ihr,

Gabi aus dem Frauenhaus meinte, ich könne mich bei euch melden.
Ich hab euch schon mal eine Mail geschrieben, in der es um J. H. ging.
Die Grundsituation kennt ihr bestimmt schon, (ich weiss ja nicht, wie die Kommunikation unter euch funktioniert), ich umreisse sie trotzdem noch mal kurz:
Fakt ist: J. ist mit ihren Kindern wieder nach Hause gefahren.
Fakt Nummer zwei ist: Ich verstehe die Welt nicht mehr...
Von vorn: Am 18.08 rief mich J. nachts an und brüllte mich völlig hysterisch/verängstigt an, ich solle die Kinder rausholen, ihr Ex stehe vor der Tür und versuche, sie und die Kinder umzubringen. Ich wohne in Berlin, sie in R....deshalb meinte ich, sie solle die Polizei rufen und in 10 Minuten zurückrufen, ich versuche, was ich machen kann. Ich hatte den Rechner gerade an, also suchte ich noch während des Telefonates nach Möglichkeiten. Ich fand die Nummer der BIG-Zentrale, die mir dann Telefonnummern von Frauenhäusern gab. Ich schaffte es dann auch, innerhalb dieser 10 Minuten, einen Platz im Frauenhaus zu organisieren, sowie meinen Mann von der Arbeit "abzukommandieren". Sie rief dann auch an und ich meinte, ich mach mich gleich auf den Weg, werde aber knapp eine Stunde brauchen. Unterwegs rief ich nochmal an, um zu fragen, wie die Situation aussieht, ich will ihrem Ex nun nicht ins offene Messer laufen. Inmitten dieses Telefonates fing sie wieder an zu schreien, ich solle die Polizei rufen, er stünde schon wieder vor der Tür...was ich auch tat...nur wollten diese nicht wirklich, was ich nach über einer Minute Warteschleifenmusik erfuhr, helfen.
Als ich dann bei ihr ankam, fand ich L. (ihre Tochter) zitternd im Bett, die mir dann auch sofort alles erzählte. (Auf die Art, wie eine 4jährige halt berichten kann). M.(ihr Sohn) schlief, und J. wuselte wie ein "aufgescheuchtes Huhn" durch die Wohnung.
Ich sagte ihr, das ich ein Platz für die drei in einem Frauenhaus in Berlin besorgt hätte.
Ich versuchte L. zu erklären, die immernoch völlig verängstigt war, das wir nun ein Spiel spielen, in einem Versteck schlafen und mit einem echten Polizeiauto fahren. Dann sagte ich zu meinem Mann, er solle sich kurz um die Zwerge kümmern.
J. und ich packten dann schnell einige Sachen zusammen, (Ich wusste nicht, ob der Typ zurückkommt...wollt es auch nicht drauf ankommen lassen..) ich zog die Kinder an, und dann ab ins Auto...nur weg von dort.
Die Kinder hellwach, J. völlig in sich zusammengesunken liefertern wir sie alle in Weissensee bei der Polizei ab, die sie dann ins Frauenhaus brachte.
Sie stand die folgenden Tage fast täglich mit ihren Kindern bei mir vor der Tür, wir suchten zusammen nach einer Wohnung, einem neuen Job, nach Kitaplätzen...kurz, nach einem kompletten Neuanfang.
Ich fand auch alles...sagte ihr das...
Eines Tages trafen wir uns, ein Freund von mir brachte ihr ihre Sachen aus R. mit...
Sie guckte in die Kartons, fing an, rumzumotzen (was soll ich mit dies und jenem), und gab ihm kurzerhand die Hälfte des Zeugs wieder mit.
Wir standen wie zwei begossene Pudel da und verstanden die Welt nicht mehr...hätten wir das Zeug noch vorsortieren und hübsch verpacken sollen??? Heute hab ich von meinem Bruder erfahren, "sie wollte nicht soviel schleppen..."
Aber etwas fand ich an diesem Tag noch viel schlimmer:
Als ich ankam, schimpfte sie schon mit ihren Kindern...gut, kann vorkommen, vielleicht haben sie was angestellt...
Dann fing sie an, den Jüngsten zu treten, der daraufhin stürzte und auf dem Rasen weinend liegenblieb. Sie brüllte ihn an, er solle gefälligst aufstehen. Ich ging dazwischen, sagte ihr, sie solle ihn in Ruhe lassen, ihre Sachen wegbringen, einen Kaffee trinken gehen/5 Minuten drüber nachdenken...ich kümmer mich derweil um die Zwerge. Sie verschwand darauf hin für ein paar Minuten.
Als sie wiederkam, setzte ich mich mit ihr ein paar Meter entfernt (Ich wollt nicht, das die Kinder das mitbekommen) und sagte ihr offen, das ich damit ein Problem habe, wenn sie die Kinder so behandele, das Freundschaft an diesem Punkt aufhöre und ich beim nächsten Mal mir ernsthaft überlege, rechtliche Schritte einzuleiten. Ich steckte also Grenzen.
Sie meinte zu mir, das ihr die "Gören" eh "schei�?egal" sind, sie sie sowieso nicht wolle, ich sie mitnehmen könne, sie zu ihrem Vater bringen könne, sie ins Heim kommen, etc.,etc.
Memo: Der Vater von M. (der jüngste) ist der der Grund, weshalb sie im Frauenhaus waren, der Vater von L. versuchte sie als Baby "zu opfern", stand mit einem Schwert am Kinderbett.
Ich bot ihr an, das ich die Kinder heute mitnehme, sie könne sich nochmal überlegen, was sie da grad gesagt hat. Ich betonte auch ausdrücklich, das sie jederzeit(!), meinetwegen auch morgens um 3, ihre Kinder wieder holen könne.
Aber: Wenn sie die Kinder nicht am nächsten Tag holt/sich meldet, binge ich die Kinder zum Kindernotdienst.
Meiner Meinung nach war es ein faires Angebot, um die Sache zu überdenken.
Ich schob ihr Verhalten bis dato auch einfach nur auf die Situation, in der sie momentan steckte.
Sie fragte mich, ob wir einen Kaffee trinken gehen könnten, ich willigte ein. ...("...Vielleicht bringt sie das wieder runter...")
Unterwegs beschimpfte sie die Kinder aufs übelste, ohne einen (mir ersichtlichen) Grund.
Das sie die Schnauze halten sollen, wenn sie einen Ton sagten, das sie zurück zu A.(der Ex) müssen, (die Kinder meinten einstimmig, das sie das nicht wollen, sie brüllte sie an, es wäre ihr "scheissegal", was sie wollen...sie könnten ja auch alleine hierbleiben, ausserdem hätten sie sowieso nichts zu sagen...), das sie sie eh nicht will, sie nur ein "Partyfick" wären, man sie hätte damals gleich "ersaufen" sollen, und so weiter und so fort...
Ich meinte zu ihr, sie solle endlich die Klappe halten...Sie ignorierte mich völlig...ich war anscheinend nicht da...die beschimpfte die Kinder weiter...
Nun endlich in einem Café angekommen, mussten sich die Kinder mucksmäuschenstill hinsetzen und durften sich nicht rühren.
Ich hab das nicht einsehen können, fing an, mit den Kindern zu reden, zu spielen, faxen zu machen...sie sagte nichts, trank ihren Kaffee und sagte nichts...
Ich weiss nicht, was in den nächsten 5 Minuten in ihrem Kopf vor sich ging...nach fünf Minuten Schweigen ihrerseits entschuldigte sie sich urplötzlich bei ihren Kindern, "Mama hätte böse Sachen gesagt,...Mama hat euch trotzdem lieb...bekomm ich einen Kuss"
Die Kinder, genauso verwirrt ich ich in diesem Augenblick, sahen mich völlig verängstigt an, liessen sich widerwillig küssen.
Später auf dem Spielplatz versuchte ich die Ereignisse mit ihr noch mal zu besprechen, versuchte herrauszufinden, was los war...
...Keine Antwort...
Ich erklärte ihr, weshalb ich damit drohte, Schritte einzuleiten...sie meinte, es wäre richtig gewesen, sie hätte vermutlich genauso gehandelt...meinte noch, ich hätte "ihr eine knallen sollen"...nicht vor den Kindern, meine ich.
Ich ging an diesem Tage mit dem Gefühl, sie hätte sich wieder unter Kontrolle, es wäre ein einmaliger Ausrutscher...
In den folgenden Tagen hiess es aus ihrem Munde, "das es gut ist, endlich aus R. raus zu seien, das der Kerl ein A** sei, träumte schon davon, in welcher Farbe denn das neue Kinderzimmer gestrichen werden sollte, lud meinen Mann und mich zu Weihnachen in der neuen Wohnung ein...
Sie meldete sich nach Berlin um, kündigte die Wohnung in R....kurz, ich dachte, sie "wäre über den Berg".
So auch einen Tag vor ihrem Auszug aus dem Frauenhaus...
Sie fragte mich, ob ich zum Sozialamt mitkommen würde, sie hätte einen Termin.
Wir trafen uns also morgens an der Strassenbahn...die Welt war scheinbar noch in Ordnung...
Im Sozialamt (wir waren etwas zu früh da), motzte sie auf einmal, das sie hier keine rauchen dürfte, warum hier keiner komme...usw.usf....
Ich spielte derweil mit den Kindern, sagte ihr, das bestimmt gleich jemand kommen würde..
Anscheinend waren ihr die Kinder zu laut, sie schrie sie an, sie sollen sich hinsetzen, die "Schnauze halten"...
Der jüngste wollte nicht, sie zog ihn ziemlich brutal auf seinen Schoss, er knallte dabei mit den Kopf gegen die Wand...sie tröstete ihn nicht.
Das gleiche Spiel spielte sich in der nächste Minute mit der älteren ab...auch Kopf gegen die Wand...kein Trost..."halt die Schnauze"...
Ich sagte zu ihr, sie könne ja eine Tür weiter nach der Sachbearbeiterin fragen...sie ging, die Bearbeiterin verlangte nach ihrem Ausweis, mit dem sie dann in einer Tür verschwand. Als sie wiederkam, meinte sie zu ihr: "Zimmer sowieso...geht gleich los...".
J. fragte nach ihrem Ausweis, die Bearbeiterin meinte, der liegt schon auf dem Tisch der für sie zuständigen Bearbeiterin, sie bekommt ihn dann gleich wieder...In diesem Augenblick fing J. an, die Frau zu beschimpfen, sie wolle ihren Ausweis sofort, das kann doch nicht war sein,...
Die Frau und ich sahen uns ratlos an...mir war die Situation einfach nur peinlich....
Wir begaben uns also vor die genannte Tür, warteten dort...wo sie wieder anfing, die Kinder zu beschimpfen..."das alte Lied": Sie waren nicht gewollt...usw....
Nach ca. 2 Minuten wurde sie reingerufen...nach 20 Sekunden war sie wieder draussen...sie hatte nur ihren Ausweis geholt und ging...
Ich verstand die Welt nicht mehr...
Vor dem Sozialamt angekommen, meinte sie, sie fahre jetzt mit den Kindern nach Hause...auch hier wieder der Protest der Kinder...auch hier wieder die gleichen Argumente der Mutter...
Mir reichte es...Ich meinte, ich könne sie nicht aufhalten...blablabla...dann solle sie halt fahren...Meine Sachen (sie hatte noch Sachen von mir im Frauenhaus) nehm ich dann sofort mit....
L. und M. hatten Jacken von meiner Nichte an, M. saß im Buggy von meiner Nichte...Es war strömender Regen...
Auf einmal befahl sie den Kindern, sich die Jacken auszuziehen, M. solle aufstehen, er könne laufen.
Ich meinte, was soll der Quatsch, die Kinder können die Sachen anlassen, es regnet, diese Sachen könne sie meinen Bruder (er wohnt in R.) vorbeibringen.
Interessierte sie nicht, die Kinder brauchen keine Jacken, und wenn sie krank werden, ist das nicht ihr Problem...
Ich zog den Kindern unter ihrem Protest die Sachen wieder an...
In der Bahn tracktierte sie die Kinder wieder, beschimpfte sie...
Dann liess sie mich mit den Kindern im strömenden Regen stehen, ohne Erklärung...lief los....
...holte ihre Sachen...
Auf dem Weg zur Bahn erzählte sie den Kindern, "wir fahren jetzt nach Hause, Mama schiesst euch jetzt ein Loch in den Kopf, ihr seid Drecksgören, blabla....so hart es klingt: Das alte Lied...:(
M.m musste aus dem Buggy aufstehen, "die Anlage ( trug sie in der Reisetasche) ist schliesslich wichtiger als er"...
Ich lief mit L. an der Hand...für J. war ich anscheinend nicht präsent....wenn sie anhalten musste, rief sie, L. solle stehenbleiben....nicht, wir...nein, nur L....
M. und L. klammerten sich an mir fest, meinten, sie hätten Angst...es brach mir das Herz...ich konnte nichts tun....musste sie ihrer Mutter aushändigen...Noch ein Vertrauensbruch für die Zwerge...Es tat mir so leid...
Ich sah sie in die Bahn einsteigen, den Blick der Kinder...ich stand wie gelähmt an der Haltestelle....hilflos...
Ich telefonierte heute mit meinem Bruder, er meinte, sie habe wortlos ihren Schlüssel bei ihm abgeholt (er hatte sich um die Wohnung gekümmert), die Kinder hatte er heute bei B. (das ist der Vater von L.) gesehen.
Ich hatte gestern noch mit Gaby telefoniert, ihr die Nummer von J.s Sachbearbeiterin beim Jugendamt gegeben.
(...)

Ich habe danach einiges versucht, angefangen von Jugendamt bis hin zum Kindernotdienst.
Die Kinder leben beide noch immer bei ihr und sie hat diesen Typen geheiratet.
Wir haben keinen Kontakt mehr miteinander.

· Del.icio.us · Mr Wong · Google Buzz ·

Gespeichert unter:

Schon gelesen?

· Selbst Schuld  · #Linuxtag 2010 Tag 4 - Backstage

Da wurde 4 x wat jesacht zu “Offener Brief an ein Frauenhaus” »»

  1. Getippselt von Simon am 28.04.05 um 12:32

    Oh Mann. Ich bin hier drüber gestolpert und werd jetzt den Rest des Tages dran kauen.

    Was haben Kindernotdienst und Jugendamt denn gesagt?

  2. Getippselt von missi am 29.04.05 um 0:02

    Der Kindernotdienst konnte überhaubt nichts tun, ich hätte die Kinder hinbringen müssen.
    Das Jugendamt war da, sie machte einen auf "Alles in Ordnung".
    Sie steht zwar unter Beobachtung, weiter gemacht haben sie allerdings nicht. (Die Auskünfte des Jugendamtes sind auch etwas mager an Privatpersonen.)

  3. Getippselt von diaet am 16.07.06 um 11:12

    Ach Du Sch... Und dem Jugendamt reichen solche Zeugenaussagen nicht, um da einzuschreiten, wenn sie selber auf "alles in Ordnung" macht? Da gibt's doch bestimmt mehrere Menschen, die dieses Verhalten beobachtet haben - halten die alle still?

    Verdammt - ich versteh gerade mal wieder die Welt nicht. Auch wenn's erschütternd ist - gerade deshalb danke für den Post.

  4. Getippselt von missi am 16.07.06 um 15:17

    Die meisten halten still, ja. Leider.
    Ich hatte wärend der Zeit, die Sache ging ja über 2 Wochen, mehr als einmal ein "Was mischt du dich überhaupt da ein, das ist doch nicht dein Problem." um die Ohren geschleudert bekommen.
    Ich würde heute an vielen Stellen anders reagieren, härter, aber ich stand damals davor wie ein geohrfeigter Depp.

Ick will mal wat sagen... »»

Datenschutzhinweis

Schadenfreude - joy at the misfortune of others